Kindsräuber: Textschnipsel #4 – Lernt Rumpelstilzchen kennen!

Ich hoffe doch sehr, dass ihr ihn auf eine völlig neue Art und Weise kennenlernt 😉

Auf Facebook hatte ich schon geschrieben, dass die Rohfassung vom»Kindsräuber« beendet ist. Seitdem habe ich die Tage nur mit dessen Überarbeitung verbracht. Nun, da gestern die 256 überarbeiteten Normseiten an die Testleser des Vertrauens gegangen sind, dachte ich, es wäre Zeit für einen neuen Textschnipsel.

Diesmal geht es um den Antagonisten, den toten Jungen Rumpelstilzchen höchstselbst, und seine folgenschwere Prophezeiung am Anfang des Buches.

 

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(Unlektorierte Fassung)

 

Alene begann zu rennen. Sie musste hinaus.
Weg von dem Geist, der hier hauste.
Hinaus!

 

Das Wimmern schwoll zu unerträglicher Lautstärke an und wurde zu einem Lachen. Alenes Herz fing zu rasen an. Sie hatte es bereits gehört. Vor einem Jahr, als König Friedrich und König Elisabeth nach Prag gekommen waren. […] Es war das Lachen des toten Jungen:

 

Heute back ich, morgen brau ich,

übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;

ach, wie gut ist, dass niemand weiß

dass ich Rumpelstilzchen heiß!

 

Alene wandte den Kopf.
Er ging ihr hinterher, tänzelnd, gemächlich und ohne Anstrengung. Kopfüber wie eine Fledermaus lief er an der Decke entlang. Der Gang war inzwischen so düster, dass das blaue Feuer um seinen Kopf seine leeren Augenhöhlen und bloßgelegten Zähne gespenstisch erhellte.
Alene schrie auf.
Der tote Junge kam schneller auf sie zu, obwohl es gar nicht aussah, als würde er seine Schritte schneller setzen.

Ein schneidender Schmerz durchfuhr Alene. Er bildete sich tief in ihrem Bauch und fraß sich brennend bis zum Bauchnabel durch. Die Pein war so heftig, dass sie ihr den Atem raubte und ihr die Füße wegriss. Kurz war ihr schwarz vor Augen. Als sich ihre Sicht wiederherstellte, lag sie auf dem Teppichboden. Ein Stechen ging durch ihre Seite, unvergleichlich mit dem glühenden Pochen, das ihren gesamten Unterleib ausfüllte. Es zog und zerrte so unerträglich in ihr, dass sie wieder schrie.

Nein, hallte es in ihrem Kopf. Nein, ich kann es jetzt nicht zur Welt bringen …

Eine erneute Wehe brachte sie zum Winden. Keuchend spreizte Alene ihre Beine, versuchte ihren Körper irgendwie zu entlasten, während sie mit dem Blick nach Rumpelstilzchen suchte. Er kam gerade über ihr auf der Decke zum Stehen, neben einem Kronleuchter. Das Lachen hörte auf und völlige Stille machte sich im Gang breit.

»Geh weg!«, rief Alene erstickt. Sie versuchte vor ihm wegzurutschen, schaffte es bei ihren entsetzlichen Schmerzen nicht. »Lass mich!«

Er stieß sich mit den Füßen von der Decke ab. Schwebend wie ein Vogel flog er herab, drehte sich dabei, sodass er mit den schwarzen Zehen auf dem Boden aufkam. Er war Alene so nahe, dass sie nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Zitternd starrte sie ihn an, konnte nicht den Blick von seinen toten Augen losreißen.

Lass mich dir helfen, liebe Frau, erklang eine Stimme unwirklich laut in ihrem Kopf. Dabei gingen die Zähne des Rumpelstilzchens klackend auseinander. Dir und deinem Kind …

»Du willst es mir stehlen, oder?«, zischte sie gegen den Schmerz.
Der Junge schwieg.
Alene überkam auf einmal die schreckliche Frage, ob sie ihn mit ihren eigenen Gedanken beschworen hatte. Wo sie ihr Kind doch nicht wollte.
Rumpelstilzchen hatte keine Augen, dessen Blick sie verfolgen konnte, und doch glaubte sie, dass er zwischen ihre Beine starrte. Darauf wartete, dass ihr Kind sie verließ. Um es dann blutig aus ihrem Schoß zu reißen und mit sich zu nehmen.
»Nein, bitte nicht!« Alenes Stimme wurde zu einem hilflosen Schluchzen.

Dir bleiben drei Tage.
Rumpelstilzchens Gestalt verschwamm vor ihren Augen zu einem dunkelblauen Licht.
Drei Tage, in denen du herausfinden musst, was sich hinter dem Kindsdieb verbirgt. Schaffst du das nicht, wird dein Kind nicht nur gestohlen: Es wird sterben, und du mit ihm.

Das blaue Leuchten erlosch mit Rumpelstilzchens Stimme und die Dunkelheit begann aus dem Raum zu weichen.

 

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