»Bärenbrut« Textschnipsel #3: Eine teuflische Begegnung

Letzten Samstag bei der Bloggeburtstagsfeier von Magische Momente in der Bücherwelt gepostet – nun noch mal für euch!

Dieser Ausschnitt ist aus dem zweiten der insgesamt fünf Teile, aus denen »Bärenbrut« besteht. Hauptcharakter Thorben trifft, wie schon am Anfang der Geschichte, auf den Leibhaftigen. Wenn euch die Leseprobe neugierig macht: Bis zum 15. Juli könnt ihr ein E-Book der bisher unveröffentlichten Geschichte gewinnen, inklusive Megafanpaket. Alle Infos gibt es hier dazu.

Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen ❤

—–

Es brannte. Thorbens Augen, sein Gesicht, die Welt um ihn herum. Er konnte sich nicht rühren, nicht schreien, war dem höllischen Brennen hilflos ausgeliefert. Durch seinen Tränenschleier sah er die verrußte Zinne und einige seiner Kameraden, verbrannt auf dem Stein verteilt.

Thorben lag da, im Schweigen des Todes, selbst nicht tot – oder doch? Eine schwarze Angst grub sich in seine Knochen, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt hatte.

»Na, Junge?« Ein Fuß trat neben ihn. Ein unnatürlich klobiger Fuß, der den Stiefel regelrecht anschwellen ließ. Thorben wusste sofort, wer vor ihm stand: Es war der Fremde, der ihm vor seinem toten Vater erschienen war. »Willst du also den Soldatentod sterben?«

 

Die Angst wurde zu Grauen, fand einen Weg, schmerzhaft durch Thorbens Hals zu kratzen: »Ich … ich sterbe nicht.«

Der Fremde kniete sich nieder, versenkente seinen Schlangenblick in Thorbens Augen. »Doch, das tust du. Bist dem Tod aber auch verzweifelt nachgejagt.«

Seine Worte vergifteten ihn bis aufs Mark: Es stimmte. Thorben war die ganze Zeit dem Schatten seines toten Vaters nachgelaufen. Nun, da er an der Schwelle des Todes stand, war sein Vater nicht da. Hier gab es nichts. Nur Stille, auslöschendes Brennen, das irgendwann selbst zu Nichts erkalten würde. Tränen liefen aus Thorbens Augen, vergingen schreiend auf seinem Gesicht, das eine einzige Wunde war.

»Ich kann doch nicht einfach so sterben«, wimmerte er. »Was … was hat mich überhaupt …«

Der Reisende unterbrach ihn: »Schau!« Thorbens Sicht wurde plötzlich klar, obwohl das nicht möglich sein sollte. Er sah die Festung und wie in ihr gekämpft wurde. Die christlichen Kämpfer wurden gnadenlos von osmanischen Säbeln niedergemäht.

»Erlau wird fallen, Junge. Und du auch.« Der Fremde bleckte die Zähne. »Tu es schon – sieh deinem Fall ins Gesicht!«

Thorben wollte es nicht. Doch irgendeine böse Macht hielt seine Augen offen, ließ ihn trotz Schmerz und Tränen nicht blind werden. Er sah die osmanischen Krieger mit ihren vor Blutdurst verzerrten Gesichtern. Und Thorben, der hier gebrochen lag, erkannte, dass er nicht mehr Jäger war, sondern Gejagter. Wie ein Tier in der Falle, und wie ein solches würde er abgeschlachtet werden.

»Was haste gesagt?«, fragte der Fremde.

Ja, was? Thorben hatte sein eigenes Flüstern nicht bemerkt: »Ich will nicht … als Nichts sterben.«

»Verständlich. Wo du dir in deinem Dorf ein neues Leben mit deinem Sold aufbauen kannst. Das Mädel dieses Bettlers könntest du auch heiraten … Elfriede hieß sie, nicht? Willst du das alles? Willst du gut und gierig leben?«

»Ja«, rief Thorben heiser.

»Ich soll dir also helfen, Junge? Dein Leben retten? Und darf irgendwann zu dir zurückkehren, um Vergeltung dafür einzufordern?«

»Ja, ja, ja!«

Der Schlangenäugige hielt ihm die Hand hin. Thorben traute seinen Augen nicht: Darin lag der Holzring, den er vor vielen Jahren verloren hatte. Dessen Gegenstück er Elfriede schenkte.

»Ich bin Sam Morgenstern – sag mir deinen Namen und schlag ein.«

Thorben brach irgendwie aus seiner Starre. Nicht nur seine verbrannte Haut schmerzte. Auch in ihm selbst schien etwas zu verglühen, als er zitternd die ausgestreckte Hand und den Ring darin berührte: »Thorben Jägerssohn.«

 

© Nora Bendzko 2017

 

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