Die Schönheit des Biests Textschnipsel #1: Die andere Seite der Geschichte

Auf Social Media habe ich schon ein paar Einblicke zu »Die Schönheit des Biests« gegeben, das große Nightwish-Fantasy-Projekt, dass ich derzeit für Verlage überarbeite.

Gestern dachte ich mir, eine Leseprobe wäre doch nett, und fragte auf Twitter, was die Leute lesen wollen. Es wurde: Leben-und-Tod-Drama! Mein Beleid an alle, für die es nicht Kitsch oder Slapstick wurde, aber ich denke an euch in der Zukunft. Passenderweise arbeite ich gerade an einem Teil des Romans, der das gewünschte Drama bietet 😉

Die folgende Szene ist aus dem 11. der insgesamt 12 Teile des Buches. Der Ich-Erzähler ist hier der Bruder des Protagonisten Volker, der in den anderen Teilen sonst nur eine Nebenrolle spielt. In der folgenden Szene besucht er einen Totentempel, auf der Suche nach einer Heilung für sein tödlich erkranktes Herz.

Viel Spaß beim Lesen ❤

 


 

»Seid verflucht, ihr Toten!«, schreie ich auf. »Warum wollt ihr nicht mit mir sprechen? Ich möchte doch nur von euch wissen, wie ich die Krankheit in mir aufhalten kann. Warum haltet ihr mich hin und helft eurem König nicht? Ich spüre doch, dass ihr hier seid und mich meidet.« Meine Stimme bricht, zerbröckelt zu einem Flüstern: »Warum verlasst ihr mich? Wieso sprechen die Felsen, der Wind und die Wasser nicht mehr zu mir, so wie früher? Mehr will ich doch nicht wissen …«

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Es antwortet nichts als Stille – zunächst. Da ist ein Knistern, wie von einem längst erloschenen Lagerfeuer, das unerwarteterweise noch einmal auffunkt. Aus ihm entsteht eine Stimme: Wie lange willst du uns denn noch belästigen, kleiner König?

Mir stockt der Atem. Das ist nicht die Stimme der Himmlischen Königin, die während meiner letzten Gebete immer wieder an meinen Ohren vorbeigeschrammt ist. Auch wenn diese ebenso vielfach klingt, wie von hundert Menschen gesprochen. Diese Stimme schneit von der Statue der Himmelskönigin, den Wänden des Gebetsraums, flockt zu unförmigen Schatten zusammen, die lauernd um mich tigern. Es sind die Toten der Ozeangeborenen. Doch wie zuvor erscheinen sie mir nicht ganz, bleiben ein dunkler Nebel, aus dem auch keine bestimmten Sprecher hervortreten. Als einzige, zornige Stimme reden sie mich an: Du hast nichts von uns zu erbitten!

Die Wut, mit der ihre Worte durch meinen Kopf rasen, erschreckt mich. »Was habe ich getan, dass ihr mich so behandelt?« Ich drücke meine Hand gegen meine berstende Brust, wie um den Schmerz in meinen Lungen niedrig zu halten.

Ein bitteres Lachen erfüllt den Raum. Was er getan hat, fragt er!

Ich kann es nicht verhindern, meine Stimme überschlägt sich: »Ja, das frage ich! So sagt mir doch, was ihr von mir wollt.«

Der Weihrauch verdickt sich auf einmal, verschmilzt mit den Schatten, die wie eine schwarze Welle auf mich zurollen. Schon schwappen sie gegen meine Füße, steigen bis zu meinem Hals auf. Ich schnappe erschrocken nach Luft.

Die Stimme der Toten quillt in meine Ohren: Wir wollen nur eines, dass du uns verlässt! Nur, wer tot für die Welt ist, darf von uns Toten Hilfe verlangen. Du bist nicht tot für die Welt. Du bist ein armer Sünder, der Erlösung will, wo er mit seiner Schuld leben muss – oh ja, du weißt ganz genau, was du getan hast! Du kannst den König vor aller Welt noch so gut geben, Erlösung kannst du damit bei uns nicht kaufen.

Ein Schauer überläuft meinen Rücken. Bilder, die ich nicht sehen will, kommen mir in den Sinn. Von meiner Kindheit im Palast der Ozeangeborenen, wo Kinderlachen neben Prügel, Liebe neben Hass existiert haben.

 

Verräter!, zischen die Toten.

 

Ich sehe meinen Bruder Volker vor mir. Meinen geliebten und beneideten, schönen und hässlichen Zwilling, der wie ich ist und doch ganz anders.

 

Falscher König!

 

Warum du?, habe ich mich immer gefragt. Warum bist du derjenige, Volker, der einmal der König der Ozeangeborenen sein wird? Warum verehren sie dich als das Ewige Kind und behandeln mich als den Makel, der niemals mit dir auf die Welt hätte geworfen werden sollen? Nur weil du der Erstgeborene von uns beiden bist? Wieso könnte ich nicht an deiner Stelle sein?

 

Brudermörder!

 

Ich sehe noch einmal vor mir, wie ich meinen Bruder Volker verraten habe. Du musst nichts tun, hat man mir gesagt, nur seinen Platz einnehmen, sobald wir ihn beseitigt haben.

Ich hätte ausschlagen können. Meinen Bruder warnen. Stattdessen habe ich gelächelt, als er fiel.

Ich drehe mich um. Renne davon, die Hand vor den Mund geschlagen, mit rasselndem Atem. Die Toten bespucken meinen Rücken mit Beschimpfungen.

 

© Nora Bendzko 2017

 

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