Hexensold Textschnipsel #1: Der Anfang – und Ankündigung zum Dark Letter

Wie versprochen gibt es zum Wochenende den ersten Auszug von »Hexensold«! Stellt euch an dieser Stelle eine düstere Fanfare uralter Kriegshörner vor ❤

Es handelt sich dabei um die ersten Seiten der Geschichte. Untraditionell fängt dieses Galgenmärchen nicht mit dem Hautpcharakter an, sondern mit einem Vorfahren desselben: Ein Pestarzt, der einen verhängnisvollen Pakt mit dem Gevatter Tod schließen wird. Der Tod selbst hat in dieser Szene noch nicht seinen Auftritt, dafür müsst ihr euch bis zum nächsten Textschnipsel gedulden! 😉

Übrigens: Der gesamte erste Teil von »Hexensold« wird demnächst im Dark Letter zu lesen sein! Ab dem 1. Dezember ist das Gastgeschenk des Dark Letters nicht mehr »Bärenbrut«, sondern der erste Teil von »Hexensold«; auch bisherige Abonennten bekommen exklusiv zum ersten Teil von »Hexensold« Zugang. Wer also neugierig auf mehr wird, schnell abonnieren! Und damit wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und ein gutes Wochenende.

[Klickt den Beitrag für die Leseprobe auf. Achtung: Frisch aus dem Schreiberofen und unlektoriert!]

 

 

Du weißt nichts über das Sterben, bis der Mensch, den du am meisten liebst, in deinen eigenen Armen verrottet.

So viele Körper behandelte ich, Kinder wie Alte, in gottesfürchtiger Ruhe. Der Himmel allein weiß, wie viel Schmerz ein Mensch verdient, wann seine Zeit gekommen ist … so dachte ich stets. Hielt meine Medizin für Gottes Instrument, der allein nach seinem Willen Leben verlängern und Schmerzen mildern kann.

Doch wenn der Körper, der den blutigen Fängen des Todes preisgegeben ist, einer ist, den du selbst aufgezogen hast – wie sollst du noch glauben?

»Heiß …« Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Hauch, gewichtslos wie ihr kleiner, verschwitzter Körper, den ich an meine Brust presse. Mit jeder Sekunde, welche die Pestbeulen ihren Hals weiter zudrücken, scheint sie mehr in der Seuche zu verschwinden. »Es ist so heiß, Papa …«

Ich streiche durch die Reste ihres matten, verklebten Haares, das ich ihr erst gestern geschnitten habe, auf das kein Getier sich darin festsetzen könne. Ihr langes dunkles Haar, das sie immer so gerne geflochten hat und das nach dem ihrer Mutter kommt – was hat es wehgetan, dies zu tun.

»Es ist nur die Morgensonne«, lüge ich sie an. Ich lächle nicht, wissend, dass ihre fieberblinden Augen es nicht sehen würden. »Ich bringe dich hinaus, liebe Tochter. Das wolltest du doch? Bald wirst du wieder mit deinen Freundinnen spielen und Lieder im Tempel singen können.«

Alle Kraft, die ich habe, lege ich in meine Stimme. Ich will nicht, dass sie meine Angst daraus hört. Sie soll glauben, was ich sage. Blind bleiben für die Häuser, die um uns brennen. Die lebensgefüllten Gassen, die darin aufgestellten Marktstände, das Lachen der Nachbarkinder – sie soll nicht wie ich sehen, das alles vom Rauch fortgefressen ist. Kein Mensch ist mehr in den todgeschwärzten Straßen, durch die ich mich mit ihr schleppe.

Sie antwortet erst nach so langer Zeit, dass ich schon fürchte, nicht laut genug für ihre tauben Sinne gesprochen zu haben: »Ja … kein Bett … kein Kranksein mehr …« Sie sinkt mit jedem Wort ein Stück zusammen, schrumpft mehr ins Nichts.

Ich kann sie nicht noch mehr halten, ohne dass sie an mir zerbricht. Ich kann nur hustend weiterlaufen, so sehr meine Füße und mein zerschlagenes Gesicht schmerzen, und gleich, wie oft ich wegen meines wunden Beines über meine zerrissene Tunika stolpere.

Fort!

Ich muss sie fortbringen.

Und wenn Gott doch noch gnädig ist, wacht sie aus ihrer Krankheit auf und erinnert sich nicht an meine Lüge.

»Halt!«, schneidet es in meine Ohren. Ich wende den Kopf nach der Stimme.

Er ist ein nur Schatten gegen die Flammenwände, der Soldat des Kaisers. Das fauchende Feuer verzerrt die Silhouette seines Helmes zu dem Kopf eines Bluthundes. Weitere Schatten erheben sich neben ihm, ziehen klirrend ihre Schwerter, die wie die Zähne eines Karnivoren zwischen den Rauchfäden blinken. Und wie bei einem Raubtier weiß ich instinktiv: Sie wollen uns töten.

Der Schmerz verschwindet in meinen Gliedern, wird völlig von jenem Gedanken ausgelöscht. Ich renne.

Warum?

Die rauchende Stadt scheint mich auf einmal zu umschließen, vollkommen mit ihren Feuern auf mich einzurücken, während das Zähneklirren und mich verfolgende Stapfen stetig lauter wird.

Was geschieht hier nur?

Ich will es nicht wahrhaben, doch mein berstendes Herz weiß es längst: Die Stadt wurde nicht angegriffen. Der Kaiser hat die Feuer legen lassen, durch seine eigenen Soldaten. Weil ich und die anderen Mediziner die Pest nicht vollständig auslöschen konnten, lassen sie dies das Feuer übernehmen, bevor es zu spät ist … und wie viele Leben es auch kosten mag.

 

© Nora Bendzko

 

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