Hexensold Textschnipsel #3: Elegio trifft auf Rapunzel

Morgen verschwinde ich in Urlaub. Ich besuche seit langer Zeit Marokko, das Herkunftsland meiner Mutter. Mein letztes Mal ist einige Jahre her, viele Verwandte vor Ort sehe ich nun seit Ewigkeiten wieder.

Weil ich diese Zeit möglichst genießen will, nehme ich mir nicht nur arbeits-, sondern auch internetfrei. Bis zum 27. Mai bin ich somit nicht zu erreichen. Nachrichten und Anfragen, die in der Zeit eingehen, beantworte ich erst später.

Wenn es schon so still wird, möchte ich euch mit etwas Schönem verabschieden. Deswegen gibt es einen weiteren Auszug von dem kommenden Galgenmärchen »Hexensold«. In dieser Leseprobe trifft Hauptcharakter Elegio zum ersten Mal auf Rapunzel – sein weibliches Alter Ego.

Habt viel Spaß beim Lesen :)

 

– Unlektorierte Fassung! –

»Du weißt nicht, wie es sich anfühlt … Wenn deine Mutter vor Schmerzen schreit, als würde sie sterben, und du Angst hast, dass sie jederzeit auf dich losgeht …« Ottilia stockte, wandte den Blick ab. »Hier drinnen ist es kaum auszuhalten für Caspar. Wenn unsere Mutter sich auch noch um die anderen Protestanten statt um sich selbst sorgt … Sie würde nicht einmal ihre Medizin nehmen, würden wir nicht ausreißen, um sie für sie zu besorgen!« Sie seufzte. »Ich will doch nur, dass es unserer Mutter nicht immer schlecht geht und Caspar sich nicht jeden Abend in den Schlaf weinen muss. Ihn von hier entführen, ablenken, mal zum Lachen bringen.«

Plötzlich verstand Elegio Ottilias Art. Ihr Mädchenkörper, der sich in kein Korsett zwängen lassen wollte, war in Wirklichkeit Requisit für eine Bühne, die eigens eine Komödie für ihren Bruder Caspar erschuf.

»Trotzdem schade, dass dabei deine Garderobe vor die Hunde geht.« Er zupfte an dem Rock eines Sonntagskleids, das von einem Bettpfosten hing. »Dir würde einiges zu Gesicht stehen. Du kommst doch sehr nach deiner Mutter …«

»Pah!«

»Aber sicher! Wenn du nur an deiner Haltung und Ausstrahlung arbeiten würdest …« Elegio ignorierte Ottilias Schnauben, indem er das Kleid weiter befühlte. »Oh! Diese Nähtechnik … Mit Sicherheit nicht europäisch. Arabisch vielleicht? Und der Pelzsaum …«

Er bemerkte Ottilia erst wieder, als sie mit dem Fuß neben ihm aufstampfte.

»Mir reicht’s! Wenn sich der Signore so viel mehr mit weiblicher Garderobe auskennt, soll er sie mir doch vorführen!«

Bevor Elegio wusste, wie ihm geschah, flog das Kleid von dem Bettpfosten. Erstarrt sah er in Ottilias böses Grinsen, als sie ihm den Stoff überstülpte. Sein protestierendes »He!« wurde von Bergen an Stoff erstickt.

 

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»Stillhalten!« Ottilia schnürte ihm die Fäden an der Taille mit einem solchen Ruck, dass ihm die Luft wegblieb. »Wer ruhig hält, verletzt sich weniger beim Anziehen!«

Schnaufend tat Elegio, wie geheißen. So war es schneller vorbei. Ein Teil von ihm – jener, der darüber fluchte, warum er sich diese Kindereien antat – wurde sogar rebellisch. Wenn Ottilia eine Herausforderung wollte, sollte sie diese haben!

Er streckte den Rücken durch, stemmte die Hände in die Hüften und funkelte das Mädchen von der Seite her an.

»Und?« Er fragte es betont gelassen, seine Atmung zur Ruhe zwingend. »Wie ich sagte: Ist doch nicht viel dabei!«

Er wartete auf eine rotzige Antwort, die nicht kam.

Ottilia starrte ihn an. Irritierend still.

»Bleib so«, sagte sie schließlich. »Nicht bewegen!«

Elegio lehnte gegen den Bettpfosten, während Ottilia durchs Zimmer wuselte und eine Perücke aus dunklem Haar aufklaubte. Dabei musste er die ganze Zeit den Impuls unterdrücken, das Kleid an seinem Körper weiter zu befühlen. Er wollte so gern dessen Rüschen unter seinen Fingerspitzen spüren, ihr Samt prüfen …

»Reicht es dir nicht, dass ich in einem Kleid stecke?«, knurrte er, als Ottilia zurückkam.

Erinnerungen hatten sich in seinen Kopf geschlichen. Von Geschichten, in denen Ritter verlacht wurden, weil sie weinten, Kleider tragen mussten, zu weibisch waren. Sein Vater Lysander hatte jene Stellen immer mit großen Gesten und lautem Gelächter vorgetragen.

Ich möchte gerne nähen, wünschte sich der kleine Elegio zur Belohnung nach einer guten Unterrichtsstunde.

Lysander brachte ihm wortlos das gewünschte Stoffstück. Doch betrachtete er den nähenden Elegio auch kritisch, wie sein Sohn Rosen pflanzte und sich in Tanzübungen vertiefte, und seine Witzeleien stachen wie Nadeln: Bist du ein angehender Auftragsmörder oder ein Mädchen?

»Müssen die Haare wirklich sein?«, maulte Elegio. »Lach einfach über mich und gut ist’s!«

Aber Ottilia lachte nicht. Sie setzte Elegio die Perücke mit todesernstem Ausdruck auf. Er kniff die Augen zusammen, als mehrere Locken seine Wimpern streiften.

»Elegio«, hörte er Ottilia flüstern, »du siehst so hübsch aus!«

Ungläubig riss er die Augen auf. Ottilia war fort, bevor er ihre Worte wirklich begriffen hatte.

Hübsch.

Unaufhörlich hallte es in seinem Kopf.

Er musste sich verhört haben. Wollte Ottilia nachrufen, dass das nicht lustig war. Aber seine Kehle war staubtrocken.

»Würdest du auch diese Sachen anprobieren?« Ottilia stand wieder vor ihm, mit Strümpfen, Handschuhen und Schmuck beladen. »Ich würde so gerne wissen, ob sie dir ebenfalls stehen.«

Anscheinend hatte Elegio wie in Trance genickt, denn Ottilias Augen leuchteten vor Begeisterung. Eilig türmte sie die gebrachten Kleider neben ihn auf und begann Elegios Schuhe aufzuschnüren.

Alles, was geschah, rückte wie in weite Ferne. Elegio hatte das Gefühl, durch Ottilias Zimmer zu schlafwandeln, obwohl er doch die ganze Zeit stehenblieb. Seine Hose und seine Schuhe wurden durch Seide ersetzt, Satin schmiegte sich gegen seine Finger, es klimperte an seinen Ohrläppchen.

»Komm!«

Ottilia nahm seine Hand in ihre. Die Berührung, nach der er sich in der Kirche so gesehnt hatte, war mit einem Mal bedeutungslos. Alles verschwand in seinem Zittern, als sie ihn mit sich zog.

»Du musst dich anschauen!«

Elegio hatte noch nie solches Herzrasen gehabt. Sein Hals tat weh, ihm war schrecklich heiß. Warum zitterte er so?

Ottilia ließ los, und er fühlte sich, als würde er in ein tiefes Loch fallen. Im nächsten Moment waren ihre Hände an seinen Schultern, drückten ermutigend dagegen.

Elegio wagte es, aufzusehen.

Vor ihm stand das hübscheste Mädchen, das er jemals gesehen hatte. Schöner als alle Frauen, die seinen Turm passierten, und als jede Malerei aus seinen Büchern. Nachtschwarze Locken, von winzig kleinen Silberranken durchsetzt, fielen auf die freigelassenen Schultern. Perlen-Kettchen klirrten an langen Satinhandschuhen. An dem Körper wellte sich dunkelblauer arabischer Samt, schnürte sich eng über die Hüften. Hinten fiel der Stoff zu einem Rüschenrock herab, der vorne nur bis unter die bestrumpften Knie ging.

»Das bist du«, sagte Ottilia.

Erst da begriff Elegio, was er sah.

»Unglaublich«, schwärmte sie. »Du bist ein viel hübscheres Mädchen als ich!«

Elegio verschluckte sich. Das Mädchen im Spiegel bekam rote Augen, die sich mit Tränen füllten. Er hob den Rocksaum an, machte probeweise ein paar Schritte, als würde er gerade erst Laufen lernen. Das Mädchen im Spiegel ging mit ihm.

»He, ist alles in Ordnung?«

Ottilia schob sich in sein Sichtfeld. Sie wischte eine Träne von seiner Wange, die er nicht bemerkt hatte.

»Ja.« Er nahm ihre Hand beiseite und rieb sich die Augen trocken. »Alles gut …«

 

© Nora Bendzko 2018

 

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