»Hexensold« Textschnipsel #4: Kurzgeschichte »Das Flüstern der Schlange«

Achtung, es wird heiß! Zumindest war das die Intention, denn die folgende Kurzgeschichte wurde für den Rindlerwahn-Schreibwettbewerb 2018 geschrieben. Aufgabe: Erotikgeschichte. Thema: Der letzte Kuss.

Im Wettbewerb selbst kam die Geschichte nicht weiter. »Zu intellektuell«, war die offizielle Absage. Die Story wird dafür in meinem kommendem Roman »Hexensold« aufgenommen, als Hintergrundgeschichte des Antagonisten Giacomo Robustelli. Der Text wird zwar noch verändert und erweitert, ich wollte euch trotzdem die Erstversion nicht vorenthalten :)

Viel Spaß beim Lesen! ♥

 

– Unlektorierte Fassung! –

Immer, wenn die Nacht lang und der Mond voll wird, erinnere ich mich.

An das tiefe Stöhnen.

Das Blut und den Schweiß.

Wie Fleisch in Fleisch glüht …

Es umnachtet mich in meinen Träumen. Ich bin ihr Sklave, hoffnungslos süchtig …

 

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So reite ich ihnen nach, durch den Krieg.

Die Pistole in der Hand, den Kreuzanhänger an meiner Brust, jage ich den Feind. Mein Sold wird in Blut gemessen, und ich muss viel vergießen. Zuhause wartet eine Dame mit kohlschwarzem Haar und den Augen eines Lammes auf mich. Die Tochter vom mächtigsten Mann in Veltlin, Signora von Planta.

 

Doch ist da noch ein anderer Kampf, wenn die Sonne fort und Gottes Blick blind für die Welt ist.

»Sie kommen …«, wimmern meine Kameraden. »Sie kommen zurück …«

Zuerst waren sie nur ein Heulen in der Dunkelheit. Dann rückten sie näher. Das Jammern der Sterbenden wurde zu tiefen Seufzern. Leiber, die tags zuvor im Tod zuckten, wälzten sich mit lustgespannten Muskeln auf uns zu.

Die Toten kehren wieder, mit neuen, schmerzhaft schönen Körpern. Sie schreien nach uns, und ihre Stimmen dringen durch die Haut, bis auf den Grund von Seelen.

 

»Ich werde sie vernichten.«

Die meisten im Lager sehen mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

»Geh nicht, Giacomo! Warte, bis die Exorzisten kommen …«

Ich zurre den Sattelgurt meines Pferdes fest. »Wie lange sollen wir noch warten? Wollt ihr hilflos zusehen, wie immer mehr von uns den Rufen dieser Ungeheuer folgen?«

Ich erhalte keine Antwort, also zähle ich meine Ausrüstung. Weihwasser, Salz, Silberkugeln, denn ich will den Sirenen nicht erliegen. Die Stimmen waren mir in der letzten Nacht so nah, ich glaubte, sie würden sich als Schlange um meinen Unterleib winden.

»Gehabt euch wohl, Gefährten.«

Niemand wünscht mir Glück.

 

»Kommt nur!« Ich schieße und schneide, was ich kann. »Es gibt genug für alle!«

Das Brüllen der geschlachteten Biester geht im Lachen der anderen unter. Kugeln und Weihwasser sind bald verbraucht, mein Bannkreis aus Salz ist zertreten. Mir bleibt nur das Schwert. Mein Pferd schreit, als es von den Horden gefressen wird. Ich hacke zu, um nicht auch verschlungen zu werden, und etwas steigt aus den Gefällten: ein Thron aus Knochen.

 

Ein blonder Mann mit engelhaftem Gesicht und einem Gewand wie aus schwarzen Flügeln sitzt darauf. Seine rotgoldenen Augen sind die der Schlange aus meinen Träumen.

»Ich weiß, wer du bist«, zische ich. »Und ich werde dich erschlagen!«

Sein Lächeln ist nicht von dieser Welt, genauso wenig seine Stimme: »Würdest du mich kennen, Giacomo, dann wüsstest du, dass ich unsterblich bin.«

Ich packe meinen Schwertgriff fester. »Wir werden sehen, Satan!«

 

Mein Hieb geht ins Leere. Ich kann nicht fassen, wie leicht der dunkle Engel ausgewichen ist.

»Nenn mich Morgenstern«, streift sein Atem mein Ohr.

Kalt und heiß läuft es mir über den Rücken.

Ich fahre herum: »Teufel bleibt Teufel!«

Wir kämpfen nicht, wir tanzen mehr. Ich kann noch so hart zuschlagen, er gleitet einfach an meinen Streichen vorbei.

»Wie grausam!«, lacht er. »Nach all den Mühen, die ich mir gemacht habe, um dich zu finden.«

Ich stolpere, falle in seine Arme.

»Nur ein Mann«, flüstert er, »mit dem stärksten Willen und der größten Verlorenheit würde sich meiner Armee stellen. Diesen Mann suchte ich, um mit ihm einen Krieg zu beginnen … und für meine Seite.«

 

Mein Träume … So oft habe ich von starken Armen und breiten Rücken fantasiert.

Mein Schwert fällt zu Boden.

Er hat mich besiegt.

Doch ist da eine neue Kampfeslust, ein anderes Schwert richtet sich auf. Es stößt gegen seinen Bauch, und ich spüre ihn selbst in seiner vollen Größe.

»Nein …« Tränen brennen in meinen Augen. »Du kannst mich nicht …«

 

»Scht.«

Sein Finger legt sich auf meine Lippen. Es zuckt von dort wie ein Blitz an mir herab, dass es mich fast zerreißt. Er ist so nah, ich kann mich nicht mehr wehren, zu denken: furchterregend schön.

»Du weißt, ich kann nur wecken, was schon da ist. Eva aß nicht den Apfel, weil ich sie zwang. Sie wollte es, und ich erinnerte sie.« Seine schwarze Zunge leckt über meinen Hals bis zu meinem Mund. Er nimmt alle meine Tränen in sich auf. »Du hast mich gefunden, weil du es dir wünschtest. So ist es immer.«

 

Ich kann kaum atmen, so kurz bin ich davor, unter seinem Mund zu bersten.

Ich will es. Ich will mehr!

Ich will mich niederwerfen, in Fesseln schlagen lassen, mich an diesem Körper zerstoßen, bis ich mich um den Verstand schreie …

Doch ich kann nicht. Ich habe für Gott Hexen getötet, die mit dem Teufel hurten.

Ich kann meine Seele nicht wegwerfen … und dann wird mir klar, dass ich es bereits getan habe. In meinen Träumen habe ich Signora von Planta längst betrogen.

 

Er wartet, mit der Geduld von Jahrtausenden.

 

Ich lasse meine Lippen sprechen. Der Kuss mit der Schlange ist mein letzter als Mensch. Giacomo brennt darin fort, und ich werde zu endlosem Hunger. Ich und der dunkle Engel, wir kriechen aufeinander zu, und ich bekomme nicht genug von der Hölle zwischen seinen Beinen.

Stöhnen und Blut und Fleisch …

Was mir als Mensch graute, ist mein Elixier als Dämon.

 

© Nora Bendzko 2018

 

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