Leseprobe aus »Der Schnee flüstert meinen Namen«

Nachdem ich Cover und Klappentext der neuen Drachenmond-Anthologie vorgestellt habe, in der meine Kurzgeschichte »Der Schnee flüstert meinen Namen« erscheint, ist es Zeit für eine Leseprobe. ♥

Meine Story adaptiert »Die Schneekönigin« von Hans Christian Andersen und gibt der berüchtigt eisigen Antagonistin eine tragische Hintergrundgeschichte. Wie beim Original-Märchen habe ich sieben Teile:

  • Erstes Fragment, von Wüsten aus Schnee und Eis
  • Zweites Fragment, wie Aisha lernte, körperlos zu sein
  • Drittes Fragment, des Uhrmachers gläsernes Volk
  • Viertes Fragment, ein makelloses Schloss
  • Fünftes Fragment, sein Herz, das in der Unterwelt versinkt
  • Sechstes Fragment, vergessene Namen
  • Siebtes Fragment, die Königin und das Mädchen

Als Leseprobe gebe ich euch das gesamte erste Fragment, in dem meine Protagonistin – Halb-Dschinn Aisha Qandisha – kennenlernen könnt. Habt viel dunkle Lesefreude damit!

 

[Klick den Beitrag auf, um zur Leseprobe zu gelangen]

 

Erstes Fragment,

von Wüsten aus Sand und Eis

 

Noch nie hatte Aisha einen Menschen gefürchtet. Sie kannte nur deren Bewunderung, war frei wie der Wind, feurig und wild. Doch dieser Mann hatte alles geändert. Ihrer Heimat hatte er sie entrissen und in dieses kalte, dunkle Land hinter dem Meer gebracht.

Ihr neuester Körper lag in Ketten, die sich in die Haut brannten und ihre Kräfte fesselten. An seinem Ledergürtel hing ein Weihrauchfass, dessen Qualm ihre Sinne vernebelte und verhinderte, dass ihresgleichen sie fand.

»Weiter«, bellte der Mann. Er beherrschte bruchstückhaft Arabisch, das einzig ihr Vertraute in diesem Ödland.

Aisha verbiss sich einen Schrei, als er an den Ketten zog und deren Eisen sie versengte. Ihr Köper stolperte vor, stürzte fast auf dem vereisten Steinboden.

Der Mann, dessen Namen sie nicht kannte, sah über seine breite Schulter. Sie glaubte, in seinen überschatteten Augen Mitleid zu erkennen.

»Wir rasten bald«, murmelte er in seinen Bart.

Ihr war nicht entgangen, wie er ihren neuen Körper betrachtete. Fahid hieß der Junge, in dessen Leib sie geschlüpft war. Ein schmächtiger Gelehrter, der schmal lächelnd zwischen seinen Büchern verblasst war, ehe sie seinen Körper besetzt hatte. Denn eigentlich konnte Fahid wogend tanzen und schöner strahlen als eine Sultana. Das sah wohl auch der Fremde. Je länger er mit Fahid umher zog, desto öfter betastete er diesen mit Blicken.

Aisha ließ Fahids Kopf erhoben. Doch es machte ihr Angst, gefesselt und der Gnade dieses Riesen ausgeliefert zu sein. Sie hatte in so vielen Körpern gewohnt, zu oft gesehen, wie Menschen ihre Sehnsüchte unterdrückten, und kaum dass Aisha sie zum Leuchten brachte, wollten andere jenes Licht haben. Zu oft mit Gewalt.

Könnte auch dieser Mann Fahid etwas antun? Wohin brachte er den Jungen? Oder vielmehr, wohin brachte er Aisha?

Zweifellos war er nicht wegen Fahid gekommen, sondern wegen ihr. Woher er auch wusste, dass Eisen und Weihrauch sie schwächten … Sie war sein Ziel gewesen.

Als sie später am Lagerfeuer saßen, fragte sie sich noch immer nach dem Warum. Die Nacht regnete in frostigen Stücken auf sie hinab und verfing sich in dem honiggelben Haar des Mannes. Schnee, so viel, wie sie es nur von den höchsten Bergen des Maghreb kannte.

Er briet das Fleisch eines Fuchses, den er am Nachmittag erlegt hatte. Blutig glänzte es im Widerschein der Flammen. Sie starrte auf seine Pranken, die dem Tier so mühelos das Genick gebrochen hatten.

Schließlich sah er auf, mit blitzenden Augen. Achtlos ließ er das Fleisch fallen und stapfte auf sie zu.

Aisha spannte sich und Fahids mageren Körper an, bereit, zu kämpfen. Sie erstarrte, als der Mann unversehens das Weihrauchfass von seinem Gürtel löste. Scheppernd fiel es zu Boden, die Dämpfe erstickten im Schnee. Mit einem Klirren folgten die Ketten.

»Frei«, flüsterte er, und sein heißer Atem strich über Fahids Mund. »Du bist frei.«

Aisha zögerte nicht. Sie legte Fahids Lippen auf die des Fremden. Als dieser leise stöhnend die Augen schloss, wusste sie es zweifellos. Er begehrte Fahid. Seine herab sackenden Schultern hatten etwas Ergebendes, und sie musste nicht seine Sprache kennen, um seinen hungrigen Kuss zu verstehen.

Bitte, verzeih mir.

Vielleicht hätte Fahid das getan, ihm verziehen und sich dem Kuss hingegeben. Doch Aisha war dafür zu stolz. Sie war die Tochter Ighuds, Schäfer des Windes; von Shamhurish, dem König der Dschinn aufgezogen; vermählt mit dem mächtigen Afarit Ammu Qiyu. Niemand legte ihr ungestraft Ketten an.

Sie ließ Fahid zubeißen. Seine Zähne bohrten sich ins Lippenfleisch, bis das Blut spritzte.

Die Augen ihres Gegenübers weiteten sich. Doch er wehrte sich nicht. Im Gegenteil, als Fahid von ihm abließ, um Atem zu schöpfen, hielt der Mann ihm seinen Hals hin. Wissend, dass Blut Aisha stärken und Fahid weiterleben lassen würde. Dummer, verliebter Mensch.

Aisha gab sich dem Blutrausch hin, hörte kaum noch die Worte, die von den zerfetzten Lippen tropften: »Hüte dich … vor dem Uhrmacher …«

 

© Nora Bendzko 2019

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