Invidia & Die Augen des Chaos

Dark-Fantasy-Kurzgeschichten.

Featured in seitenweise vom Art Skript Phantastik Verlag, Hrsg. Grit Richter

 

Leseprobe:

Invidia

 

»Sag mal«, rutschte es mir heraus, »bist du eigentlich schwanger?«

Samira sah mich tödlich aus ihren Smoky Eyes an. Gruselig, da sie gleichzeitig einen Postkarton mit einem Cutter öffnete. »Willst du sagen, dass ich fetter geworden bin?«

»Nee«, log ich mit Blick auf ihren Bauchansatz. »Ich dachte nur, weil du so über Magenkrämpfe jammerst?«

Grinsend strich sie eine lila gefärbte Locke aus ihrem Gesicht.

»Ist die Aufregung«, meinte sie und zog eine CD aus dem Karton.

Das Cover zeigte Samira in all ihrer beneidenswerten Elektropop-Schönheit. Bunter Afro gegen schwarze Haut und Neon-Farben.

»Meine Fans drehen auch wegen dem neuen Album durch. Die Haters sowieso. Sogar mein Lieblingskritiker Th00nderLove lästert schon rum.«

Sie lachte.

Ich hörte es kaum. Zu sehr faszinierte mich ihr Bauch. Ich glaubte fast, dass er leuchtete. Die Shots, mit denen wir auf die CD angestoßen hatten, machten mich wohl fertig.

Selbst als alle Lichter aus waren und ich mich auf dem Sofa ausstreckte, sah ich es glühen. Gerade wollte ich die Augen schließen, als jemand zischte: »He!«

Mit einem Schlag war ich nüchtern. Das war nicht Samiras Stimme.

»He, lass mich raus!«

 



 

Leseprobe:

Die Augen des Chaos

 

 

Trigger-Warnung

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Folter, Gewalt u. a. gegen Kinder, Mord

 

 

Seit er denken konnte, war die Dunkelheit sein Begleiter.

Seine Augen hatten nie etwas anderes gesehen als das ewig schwarze Reich, denn er war blind.

Den toten Blick mit der Binde versiegelt, lebte er in sich. In seiner Welt war alles Nichts und Nichts alles. Tag für Tag watete er durch diese dunkle See, dass er manchmal glaubte, es gäbe gar keine Welt.

»Schänderkönig«, sagte er, »ich bin Aiden, der Blinde. Und ich bin gekommen, um Euch zu strafen.«

Ein Zischen riss durch die Stille.

»Ratte!«, spuckte der Schänderkönig aus. »Elende Ratte! Du wagst es, mir so gegenüberzutreten? Mir, dem König der Mörder? Dafür wirst du bluten! Für jeden Einzelnen meiner getöteten Leute. Ich werde dir und diesem Monster die Haut abziehen!«

»Monster?« Xante kicherte hinter Aidens Rücken. »Oh, das gefällt mir!« Die Harpyie gab ein kämpferisches Krächzen von sich, während sie ihre Krallen wetzte.

Aiden hörte, dass die Verbündeten des Schänderkönigs in Bewegung gerieten. Sandalen tappten, Schwerter klirrten. Zuvor hatten alle starr vor Angst gestanden, als er sich seinen Pfad zu ihrem Anführer geschnitten hatte.

So war es immer, wenn Aiden mit Xante in den Kampf zog. Sie, die ihm die Augen war, die er nicht besaß. Welch schrecklicher Anblick sie sein mussten, er, der tödliche Bote, und sie, der halbe Raubvogel.

»Aiden, wir sind umzingelt.« Es war keine Furcht in Xantes Stimme, nur feurige Erwartung. »Du weißt, was zu tun ist.«

Er rief sich in Erinnerung, weshalb er hier war.

Diesen Mann, den sie Schänderkönig nannten … Er hatte Unzähligen den Tod gebracht, aus reiner Lust am Mord.

Selbst Kinder hatte er nicht verschont. Aufgespießt, zerteilt, zugrunde gefoltert. So grausam, dass es selbst die Götter entsetzen musste.

Aiden ließ sein Schwert sinken.

»Was?« Der Schänderkönig lachte. »Nun willst du dich ergeben? Deine Qualen sind längst besiegelt!«

Aiden sagte nichts. Stumm nahm er die Binde ab und öffnete sein rechtes Auge. Maden und Würmer quollen daraus und seine Haut hinab.

»Was zum –«

Weiter kam der Schänderkönig nicht. Einem Sturm gleich fauchte die Seuche aus Aidens Auge.

 


 

 

224 Seiten

ISBN-10: 3945045436

ISBN-13: 978-3945045435

erhältlich über den Art Skript Phantastik Verlag als kindle-Version (3,99 €)

und amazon als Print (13,00 €)

 

© Nora Bendzko 2019