In den Augen liegt der Abgrund

Horror-Kurzgeschichte.

Spin-Off von »Bärenbrut«.

Adaption vom Grimm’schen Märchen »Der alte Sultan« und von der Klushund-Sage.

Featured in Erntenacht von Bruno E. Thyke (Hrsg.), Benefiz-Anthologie

 

Leseprobe

 

 

Trigger-Warnung

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Tod eines Angehörigen

 

 

An dem Tag, als mein Stiefbruder Thorben starb, träumte ich von unserer ersten Begegnung.

Ich stand in der Landschaft des Schlafes, wieder fünf Jahre alt, meinen Bruder Edvard an der Hand, und Mutter sagte: „Der alte Falke will ein Findelkind aufnehmen.“

Eine blonde Locke klemmte zwischen ihren zusammengepressten Lippen. Ihr gefiel nicht, dass unser Stiefvater ein weiteres Kind wollte. Und mir auch nicht.

Ich wollte Strohbett und Suppenschüssel mit niemandem teilen. Nun, da Mutter den alten Falken geheiratet hatte und wir in seine Jägerhütte gezogen waren, ging es uns gut. Wir hatten es so viel besser als die anderen Familien im Dorf, die wegen des Krieges wie Hühner im Verschlag lebten und genauso ärmlich aßen. Und da sollte ein Fremder alles durcheinanderbringen?

„Lächle einfach“, sagte Mutter.

Ich ahmte ihr Lächeln nach, als der alte Falke Thorben ins Haus trug und Edvard sich an mein Bein klammerte. Auf den ersten Blick schrie er sich wie jeder andere Säugling die Seele aus dem Leib. Doch etwas war nicht richtig mit Thorben.

Irgendjemand hatte mir gesagt, dass die Seele in den Augen wohnte und ich darum immer genau hinschauen sollte.

In Thorbens Augen lag ein Abgrund.

„Wir halten uns von ihm fern“, sagte ich Edvard. „Er ist nicht unser Bruder und wird es nie sein. Hörst du?“

Edvard nickte. Er verstand wohl nicht, warum ich das sagte. Ich verstand es ja selbst nicht. Nur, dass ich geifernde Schatten in Thorben gesehen hatte – blutdürstig wie Bären.

 


 

 

356 Seiten

ISBN-10: 3750240485

ISBN-13: 978-3750240483

erhältlich bei epubli als Print (13,99 €)

und amazon als kindle-Version (3,99 €)

 


 

Pressestimmen

 

»Diese Anthologie ist ein schwarzes Juwel im Horror-Genre! Fast vergessene Schreckensgestalten des deutschsprachigen Raums werden hier in einer Bandbreite wiederbelebt, die einfach nur beeindruckt!«

– Janina von Die Buchlilie (Link)

 

»Die einzelnen Geschichten widme[n] sich verschiedenen gruseligen Mythen und führ[en] uns quer durch den deutschsprachigen Raum. Manche Beiträge waren sehr spannend, bei anderen hab ich mich gegruselt, wieder andere haben mich mit ihrer mystischen Atmosphäre eingefangen. […] Zu jeder Geschichte gab es eine wunderbare Illustration, die […] besonders den Print zu einer Augenweide machten. Ein paar dieser gruseligen Häppchen haben mir so gut gefallen, dass ich mehr von den Autorinnen bzw. Autoren lesen will.«

– Gabi vom Laberladen (Link)

 

»Wenn der Wind die Felder wiegt,
die Ähren streichelt und die Halme biegt,
wenn die Dämonen um dein Haus schleichen,
in den Träumen knochige Hände reichen,
wenn es dich am Waldrand schaudern lässt,
oder ein Knacken im trockenen Geäst,
wenn du dich umschaust und doch nichts siehst,
aber dennoch vor der eigenen Furcht fliehst,
wenn es dich erschrickt und neckt;
ab und an auch mal erschreckt,
dann hast du vielleicht ein Buch gelesen,
über Muhmen oder andere mystische Wesen.
Die „Erntenacht“ war schaurig schön,
wir hoffen auf Band 2, danke und auf Wiedersehn.«

– Kerstin und Janna von KeJas Buchblog (Link)

 


© Illustration von Athena Noctua, Cover von Benjamin Spang

 

© Nora Bendzko 2019