Dunkelfantastische Kurzgeschichte.

Featured in Laufen? Laufen! von Marten Petersen (Hrsg.), Benefiz-Anthologie

 

Leseprobe

 

Das Licht, das den Jungen umgab, war so hell und gleißend, dass die leuchtenden Konturen selbst wie Schatten schienen. In sich selbst verschwindendes Licht, das sich unauslöschlich in seine Augen fraß. Als sich diese an die Helligkeit gewöhnten, gewahrte er, dass er sich hinter dem Steuer eines Autos befand. Der Wagen war vollkommen zerborsten, wie von einem Aufprall. Inmitten des schwarzen Leuchtens schwebte das Fahrzeug, sein Fahrer in ihm eingesperrt: der Unterkörper steckte in den verbogenen Metallen des Autos fest. Der Junge versuchte, sich aus dem Wagen zu befreien, doch vergeblich. Seine Füße ertasteten keinen Boden, als hingen sie ins Leere.

„Wo bin ich?“, flüsterte er.

Er bemerkte eine Bewegung im hinteren Teil des Wagens. Erschrocken riss er den Kopf herum und blickte in das eingefallene Gesicht einer Frau. Ihre schmalen Lippen kräuselten sich, als sie ihren schlangenhaften Körper von der Rückbank des Autos bewegte. Dürr wie ein Stock, mit viel zu großen Extremitäten. Das filzige braune Haar hing ihr in Strähnen ins schiefe Gesicht, das aus unterschiedlich großen Augen und einem Mund bestand, der ihr bis zu den Ohren reichte.

„Aufgewacht?“, fragte sie teilnahmsvoll. „Wie schade…“

Der Junge wollte verschreckt vor ihr zurückweichen, doch er brachte seinen Körper nicht aus dem Wagen. Sein Hinterkopf stieß gegen etwas Weiches.

„Noch ist er bei uns, Schwester“, hörte er eine weibliche Stimme neben seinem Ohr zischen. „Wir müssen ihn wieder in die Tiefen seiner selbst ziehen.“

Der Junge wandte den Kopf und blickte in ein einzelnes, blutunterlaufenes Auge, welches durch das zersplitterte Autofenster blickte. Das andere war irgendwo in dem dazugehörigen Gesicht vergraben: ein gichtzerfressener Fleischklumpen. Die Nase war so verwachsen, dass Pfeifgeräusche beim Atmen entstanden.

„Tiefen, Tiefen“, kicherte die Schlangenfrau und grub ihre Fingernägel in den Hals des Jungen.

„Wer seid ihr?“, fragte er, atemlos vor Furcht.

„Du kennst uns“, hörte er eine dritte Stimme, tief und sonor. Er sah, wie sich ein weiterer Körper unter dem Beifahrersitz hervorzwängte. Die Haut des Wesens war wund, von seinen eigenen Knochen durchstoßen, deren Splitter wie weiße Stacheln aus dem Fleisch ragten. Der Junge vermochte kein Gesicht zu erkennen, nur ein zahngespicktes Maul, das nun weit aufgerissen wurde: „Wir sind die Vampire.“

„Deine Ungeheuer“, fügte die Gichtkranke schwerfällig hinzu.

„Ich bin Angst“, säuselte die dürre Frau und umschlang mit den Armen den Nacken des Jungen, worauf dessen Furcht noch größer wurde. Der Fleischklumpen ließ sich durch die zerbrochene Fensterscheibe fallen und klammerte sich an seine Brust, derweil er zischte: „Man nennt mich Reue.“

„Und mein Name ist Schmerz“, sagte der hautüberzogene Knochenhaufen, während er den Schoß des Jungen erkletterte. Sein Opfer wurde von Pein durchdrungen, kaum dass er dessen Fleisch berührte.

„Wir Vampire haben stets über dich gewacht“, sprach Reue. „Und nun willst du uns verlassen?“

 


 

 

Paperback

160 Seiten

ISBN-10: 3735719023

ISBN-13: 978-3735719027

erhältlich bei amazon als Buch (12,95 €)

und e-Book (6,49 €) bei eBook.de

 

© Nora Bendzko 2016

 

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