Mensch in der Maschine

Queere Science-Fiction-Kurzgeschichte.

Spin-Off von »Roboter Engel«.

Featured in Die andere Seite des Regenbogens vom Traumtänzer Verlag, Hrsg. Julia Fränkle

 

Leseprobe

 

Es gibt unüberwindbare Unterschiede zwischen Mensch und Roboter – so hatte Eva es gelernt. Doch nun sah er zum ersten Mal etwas vor sich, das dies infrage stellte.

»Und?« Eva zuckte zusammen, hatte kurz vergessen, dass neben ihm Cécile stand. »Was denkst du?«, flüsterte sie. Ihre hellen Augen sprühten neugierig unter ihrem dunklen Pony.

Eva wandte den Blick von ihrem perfekten Kurzhaarschnitt und dem noch perfekteren Damenanzug ab, betrachtete die Roboter vor ihm erneut. Der eine, der sich blass vom roten Sofa abhob, hatte Merkmale, die als männlich galten: Einen kantigen Schädel, dicke Oberarmmuskeln, die das Oberteil des weißen Hosenanzugs spannten. Anscheinend besaß er sogar eine Geschlechtsprothese, wenn Eva so die Wölbung zwischen seinen Beinen betrachtete. Sein Blick ging zu dem anderen Roboter, saugte sich unwillkürlich an den Rundungen von dessen Körper fest, die ein weißes Kleid ausfüllten. Eine dunkle Silikonhaut spannte sich über die Maschine, die eindeutig einer Frau nachempfunden war.

Eva hätte geglaubt, sie wären Menschen, würden sie nicht so leblos da sitzen. In ihren Augen war ein seltsamer Glanz, der unaufhörlich seine Farbe zu ändern schien.

»Cécile, das ist nicht richtig.«

Eva sah in Céciles Gesicht, auf dem das neugierige Lächeln verwelkte. Sie kniff die Lippen zusammen, verschränkte die Arme. »Was soll das heißen?«

Er sah wieder zu den beiden Robotern, blieb erneut mit dem Blick an der Beule zwischen den Beinen des einen hängen. Er kam sich auf einmal deplatziert vor mit der Schminke in seinem Gesicht und seinem figurbetonten Kleid.

»Es … es fühlt sich einfach nicht richtig an.« Er hasste sich für sein Stammeln. Aber er konnte ja nicht sagen, wie irritierend es für ihn war, männliche Geschlechtsteile an einer Maschine zu sehen. Wo er selbst seine eigenen vor der Welt verstecken musste, als Frau lebte, obwohl er keine war.

»Wie hast du die Genehmigung dafür bekommen? Es dürfen doch gar keine Roboter mehr gebaut werden. Und künstliche Genitalien … Cécile, der Weltstaat hat dergleichen zu bauen doch immer verboten!«

Mit einem energischen Klack-Klack ihrer High Heels ging Cécile zu dem roten Sofa und hob den Kopf des männlichen Roboters an. Seine Augen schimmerten leer und bunt. Als würde er sehen, doch nichts denken.

»Wir leben nicht mehr im Weltstaat, Eva.« Sie funkelte ihn mit ihren frosthellen Augen an. »Wir leben jetzt im Freien Staat, wo Menschen und Roboter gleichgestellt sind.«

 


 

 

E-Book only

206 Seiten

ASIN: B076Z33JGW

erhältlich bei amazon als kindle-Version (4,99 Euro & kindle unlimited)

 


 

Pressestimmen

 

»Ob ein Topf voll Gold, die Liebe des Lebens, die Brücke ins nächste Leben oder das queere Symbol schlechthin – jeder sieht in einem Regenbogen etwas anderes. Zwanzig Autor*innen haben sich im Rahmen einer Ausschreibung an unterschiedliche Interpretationen gewagt und eine bunte Anthologie hervorgebracht […] Die Kurzgeschichten sind Geschmackssache – es gibt eine Menge toller, sehr stimmungsvoller Beiträge, die das Thema vollkommen unterschiedlich aufgreifen […] [D]er Beitrag „Mensch in der Maschine“ von Nora Bendzko ist sehr gut gelungen und definitiv etwas anderes, siedelt sie die Geschichte doch in der fernen Zukunft an, bringt das Thema KI zur Sprache und führt den intersexuellen Eva ein. […] [E]ine gelungene Anthologie mit kleinen Schwächen […]

– Buchbloggerin Juliane Seidel auf von like a dream (Link)

 

© Nora Bendzko 2017

 

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