Essay zum Konfliktfeld Fantastik und Realismus.

Featured in der Ausgabe 63 vom phantastisch!-Magazin.

 

Leseprobe

 

Wie oft habe ich als bekennender Liebhaber fantastischer Literatur und Filme gehört: »Du magst Fantasy? Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Und überhaupt, das hat doch gar nichts mit der Realität zu tun.«

Seit Anbeginn der Zeit besteht er, der Krieg zwischen Realistik und Fantastik. Und so lange schon gilt das Fantastische als gefährlich. Wirklichkeitsfern, unreif, anormal, unselbstständig … Die Stempel, mit denen das Fantasy-Geek-Klischee üblicherweise versehen wird, sind nicht so oft positiver Natur. Zu Unrecht.

Nicht nur als Konsumentin, auch als Frühschreiberin fantastischer Texte stieß ich schon in der Pubertät auf das große Paradoxon der Realistik. Jener Lebensabschnitt, in dem sich die unverstandenen Fantasy-Menschen noch in ihrer Randgruppe isolierten, meist nur durch ihre Liebe für »Herr der Ringe« und »Yu-Gi-Oh!« verbunden. »Normale« Mädchen und Jungen lasen (wenn sie überhaupt lasen) Bücher über Pferde, Liebe, Fußball, et cetera.

Da lag sie plötzlich vor mir, die Kontradiktion der Kontradiktionen. Bilbo und Sam, Captain Tsubasa, Bibi und Tina … Sie sind alle gleich. Nämlich fiktiv.

 

Die Logik des Irrealen

 

»Realistische« Charaktere und Geschichten entspringen derselben Fantasiequelle künstlerischer Kreativität. So ist es: Nach Jahrhunderten des Kampfes zwischen Eskapisten und Realisten scheint kaum einem aufgefallen zu sein, dass kreative Texte und Filme alle gleich fantastisch sind. Der wahre Unterschied ihrer Wesenheit liegt mehr in ihrem Bestreben: Das Erschaffen von alternativen Realitäten versus bekennend unreale Welten.

So gesehen scheinen die Realisten mit ihrem Vorwurf der »Wirklichkeitsferne« gegenüber den Fantasten Recht zu haben. Die Frage, die ich mir stelle: Warum diese negative Konnotation? Wieso soll sich das Fantastische nach Zenturien der künstlerischen Epen immer noch für seine Eigenart verantworten? Darf es keine Gültigkeit haben in einer Welt, in welcher der technische und wissenschaftliche Fortschritt eine konstante Bodenständigkeit verlangt?

 

3, 2, 1: Sprung in den Hyperraum!

 

Die Technik zumindest scheint ihr Bestes zu geben, die Wirklichkeitsgrenzen immer mehr verschwimmen zu lassen. Nicht umsonst werden 3D- und 4D-Kinos so ausgebaut, Games immer realistischer animiert. Die Angst, dass der moderne Mensch an der Virtualität zugrunde gehen könnte, gibt es schon seit der Erfindung des Computers. Diesbezüglich, sowie im Rahmen des Fiktionskrieges, möchte ich die Theorien eines ganz bestimmten Medienwissenschaftlers und Philosophen herausgreifen: Jean Baudrillard.

 


 

Vierfarbcover

68 Seiten

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© Nora Bendzko 2016