Kindsräuber: Textschnipsel #2 – Lernt Alene kennen!

Lang ist’s her , dass der erste Textschnipsel gepostet wurde – und da der »Kindsräuber« schon weit über die Hälfte geschrieben ist, wird es dringend Zeit für eine längere Leseprobe! 🙂

Im letzten Textschnipsel habe ich die Hauptcharakerin Alene und ihren großen Konflikt mit ihrem ungewollten Kind kurz angerissen. Die heutige Leseprobe soll etwas tiefer gehen, was ihre grundsätzlichen Existenznöte betrifft, und die Stimmung zur Zeit des 30-jährigen Krieges einfangen.

Kleine Notiz: Der »Büttel« im Text ist ein inzwischen ausgestorbenes Amt, das unter anderem für die Steuereintreibung damals zuständig war. Und ja, die Frau im Foto soll Alene sein – als ich ihr Bild sah, dachteich: Perfekt, genauso habe ich sie mir vorgestellt!

 

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(Unlektorierte Fassung)

»Ihr müsst Euch an der Tür irren«, versuchte Alene sich aus der Affäre zu reden. »Mein Vater und ich sind brave Bürger, das wird Euch jeder unserer Nachbarn sagen –«

Der Büttel unterbrach sie rüde: »Sie ist doch Alene Vocirak, Tochter von Stanislav Vocirak?«

Alene biss sich auf die Lippe. Es grämte sie, dass der Fremde vor ihrer Tür sich offenbar zu gut war, sie mit »Du« anzureden, und sie stattdessen mit der »Sie«- Form für Frauen der niederen Stände erzte. Ganz abgesehen davon, dass er es nicht für nötig hielt, sich selbst vorzustellen. Er sprach außerdem kein Pragerdeutsch, sondern irgendeinen hochtrabenden Akzent, den Alene als tschechische Sprecherin kaum verstand.

»Ja, die bin ich«, gestand sie leise. Es nützte ja nichts, zu lügen.

Die Stimme des Büttels wurde merklich lauter: »Ich trage ein Schreiben bei mir, dass Sie und Ihren Vater eindeutig beim Namen nennt. Nein, ich irrte mich nicht!« Er schlug ungehalten gegen die Tür. »Öffne Sie endlich! Oder ich komme mit soldatischer Gewalt zurück, um die Tür aufzubrechen.«

Wie abfällig er redet, dachte Alene verbittert. Als rede er mit einem ungezogenen Kind.

So sehr sie es hasste, es zuzugeben, mit einem Schreiben vom Schultheiß hatte er jedwede Macht über sie. Verstimmt öffnete sie die Tür. »Was wollt Ihr?«

Alene stützte beim Anblick des Büttels: Er war gut einen halben Kopf kleiner als sie. Seine fehlende Größe schien er mit seiner Kleidung wettmachen zu wollen, denn diese stellte so viel Wohlhabenheit zur Schau, wie ein Mann seiner Klasse sie gerade haben konnte. (…) »Ihr Vater hat die letzten Abgaben für den Landrat nicht geleistet«, sagte der Büttel und betrachtete Alene abschätzig von Kopf bis Fuß.

Sie kam sich auf einmal fürchterlich nackt vor, nur mit ihrem Schlafkleid und ihrem Mantel bekleidet. Zumal er so unverhohlen auf die Wölbung ihres Bauches starrte.

»Er leistet bei der nächsten Abgabe das Doppelte«, entgegnete sie, so fest sie konnte. »Die letzten Monate liefen denkbar schlecht für uns. Ich bin gerade nicht in der Lage, allzu hart zu arbeiten, und –«

Der Büttel stakste an Alene vorbei, ehe sie es recht begriff. Sprachlos vor Empörung sah sie ihm nach.

Er stellte sich naserümpfend in die Mitte des Raumes, offenbar darauf bedacht, nichts vom Inventar zu berühren. »So, ist Sie da sicher? Ihr Vater wurde doch als Müller geboren? Denen sagt man gerne nach, dass sie ihre Abgaben falsch bemessen. Um den Handwerksberuf, den er nun ausübt, steht es auch nicht besser – Betrüger überall!«

Alene fühlte eine glühende Wut in sich aufsteigen. Für was hielt sich dieser Mann? Alene und ihr Vater mochten arm sein, doch lebten sie in Anstand und Ordnung. Was gab es deswegen die Nase zu rümpfen und falsche Beschuldigungen aufzustellen? Zumal man auch nichts Gutes über Büttel sagte, sie schändliche Machtmissbraucher nannte.

Alene schluckte mühsam ihren verletzten Stolz hinunter.

Der Büttel ging, die Hände hinterm Rücken verschränkt, im Raum auf und ab. »Ihr ist klar, wie dringend die Königliche Armee auf die Abgaben des Volkes angewiesen ist? Unser schönes Böhmen wurde vom Feind infiltriert, von Maximilian von Bayern auf der einen und den katholischen Speichelleckern des Comte Longueval auf der anderen Seite. Tag für Tag sterben Männer für Sie auf dem Feld, unser geliebter König Friedrich gar setzt sein Leben für Sie aufs Spiel, und Sie und Ihr Vater halten geizig zurück, womit nur Waffen und Proviant für die Soldaten gekauft werden können?«

Er sagte es gerade so, als wäre Alene schuld an dem ganzen Krieg. Und ihr König war alles andere als »geliebt – das war er einst zu seiner Krönung gewesen, da er jung und strahlend, mit seiner wunderschönen Königin an der Seite, noch Hoffnung verkörpert hatte. Nun, da sein ach so kurz währendes Reich von Kriegsfeuern, Hunger und Elend zerfressen wurde, nannte man ihn Zimní král. Tschechisch für „Winterkönig“.

Wie gerne hätte sie ihm ins Gesicht gespien, dass sie selbst Katholikin war, anders als ihr König. Und wie sinnlos sie die gräulichen Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten empfand. Welchem Glauben eher zu vertrauen war, konnte sie nicht sagen, wohl aber eines: Es waren alle Christen, welche nach Blut geschrien, die Felder der Bauern in Brand gesteckt und ihren Vater und sie aus ihrer Mühle vertrieben hatten, in diese verfluchte Stadt, wo sie seither überlebten, irgendwie, und niemand auf der Welt, nicht einmal der König selbst, würde sie um ihr letztes Bisschen bringen.

Doch Alene schwieg. Sie war schlau genug, nicht jemanden zu provozieren, der einen ohne weiteres an den Galgen bringen konnte.

 

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