Bärenbrut: Textschnipsel #1: Die erste Szene

Ab heute hat »Bärenbrut« eine eigene Seite auf norabendzko.com! Jetzt, wo ich ausgiebig recherchiert, geplottet und die erste Szene geschrieben habe, gibt es dazu nämlich genügend Infomaterial – und prompt Szene 1 zum Lesen für euch 🙂

Noch unlektoriert, nur einmal Korrektur gelesen, ganz frisch aus der Werkstatt. Ich hoffe, die Szene bereitet euch genauso viel Vergnügen beim Lesen, wie ich beim Schreiben hatte. Und vielleicht ahnt ja schon jemand, wer der geheimnisvolle Fremde mit dem Klumpfuß sein könnte?

 

 

Es war nur ein winziger Moment gewesen, in dem die Welt in Thorbens Ohren gebrüllt hatte, wie wenn sie zusammenfallen würde. Dann, als er in der anschließenden Stille kniete, lag sein Vater regungslos auf dem Waldboden. Die dunkelgrüne Jägerkleidung des Vaters war aufgerissen. Seine Arme und Beine hingen verdreht in die rotgetränkten Hagebutten unter ihm.

»Vater?«, krächzte Thorben.

Der alte Mann hätte ihn nun streng ansehen müssen mit seinem verbliebenen, blauen Jägerauge. Ihm stumm bedeuten, ruhig zu bleiben. Denn Ruhe, so sagte er stets, ist die tödlichste Waffe des Jägers.

Doch sein Vater rührte sich nicht. Sein Gesicht blieb weiterhin in Dreck und Piniennadeln begraben.

»Herr … Herr Vater …« Thorbens Stimme war kratzig von dem Rotz in seinem Hals. »Steht auf! Bitte, steht auf!«

Etwas in Thorben flehte ihn an, seinen Vater wach zu schütteln. Eine andere Stimme schrie, sich bloß nicht dem verrenkten Körper zu nähern. So lange, bis sein Kopf schmerzte und er schluchzend in sich zusammensank. Der Körper seines Vaters verschwamm vor seinen Augen, wurde von dem dunklen Wald verschlungen, dessen Bäume sich wie schwarze Finger nach Thorben reckten. Der Junge kauerte sich zusammen, als wollte er selbst zwischen den verdorrten Blumen verschwinden. Grausam drückte die Schwüle des Sommers auf ihn hinunter, ließ einen eisigen Geruch von der totenstillen Szene aufsteigen, die Thorben nicht anschauen, nimmer anschauen wollte. Er kniff wimmernd die Augen zusammen.

»Was is’n hier los, Junge?« Eine Stimme, von zig Lebensjahren verrostet, dunkel und tröstlich zugleich, mit einem undeutbaren Akzent und von schwefelartigem Gestank begleitet – Thorben stockte der Atem davon.

Halbblind vor Tränen tastete er nach der Armbrust seines Vaters. Langte zuerst nur in etwas Weiches, Klebriges, musste ein Würgen unterdrücken. Endlich erspürte er das Holz mit den zarten Gravierungen, noch warm von seines Vaters Händen. Wie oft hatte Thorben, wenn keiner hinsah, ehrfurchtsvoll darüber gestrichen. Wie oft dieses wunderschöne, kostbare Geschenk bewundert, dass der Jagdherr seinem Vater gemacht hatte …

Nun war da nichts als Furcht, als Thorben die schwere Armbrust hob. Und wenn sein Vater auch das Schießen mit ihm geübt hatte, wusste er, dass sie nur nutzlos in seinen eigenen Händen war.

»Wer ist da?«, schrie Thorben, weinte es mehr. Die Armbrust hielt er von sich, nur um irgendetwas zwischen sich und dem Fremden vor ihm zu haben.

»He, tu dir nich’ weh damit«, murmelte die raue Stimme. »Kein Grund, sich so aufzuregen, Junge. Bin nur ein Wanderer, der seiner Wege geht. Glaub mir, über so eine Schweinerei wie die hier wollte ich wirklich nich’ stolpern.«

Allmählich klärte sich der Nebel vor Thorbens Augen. Schnaufend stand er da, hielt immer noch zitternd die Armbrust in die Höhe.

Ein Mann hatte sich neben seinen Vater auf einen Baumstumpf gesetzt. Wallendes blondes Haar und ein verlumpter Hut hingen in ein Gesicht, das sowohl von einem Mann als auch von einer Frau hätte sein können, so fein war es. Fein waren auch der Rock, den er trug, und der Schnitt seines Barts, wie bei einem hohen Adelsherrn. Nur der linke Stiefel wollte nicht recht zu der ausgewählten Erscheinung passen, denn er war viel größer als der rechte. Als wäre der linke Fuß unnatürlich geschwollen. Und der Blick des Fremden … Er hatte einen rotgoldenen Schimmer, erinnerte Thorben daran, wie er einmal einer Kreuzotter in die Augen gesehen hatte.

»Beim Bart meiner Großmutter«, knurrte der Reisende und ließ den Blick durch die Gegend schweifen. »Das sieht ja aus, als wäre der Kerl von einer blutrünstigen Bestie auseinandergenommen worden!«

Dunkelrote Bilder der Gewalt leuchteten vor Thorbens Augen auf, blitzende Krallen, aufreißendes Fleisch, Schreie und Blut überall. Die Armbrust fiel mit einem Krachen zu Boden, während er die Hände vor den Mund schlug.

»Hab also Recht, hm?« Der Fremde stützte Hände und Kinn auf seinen Wanderstab und funkelte Thorben neugierig an. »Was isses gewesen, Kleiner? ’n Wolf?«

Thorben wollte nicht antworten. Doch der Blick des Unbekannten nagelte ihn gnadenlos fest, ließ ihn trotz Beben und Tränen einfach nicht los. »Ein Bär«, wisperte Thorben.

Der Fremde nickte, schrecklich ungerührt. »Du solltest gehen, Junge. Bevor das Biest dich holen kommt.«

Irgendwie schaffte Thorben es, die Armbrust wieder aufzuklauben. Dann lief er auch schon davon. Die Armbrust an sich gedrückt, das Gesicht von Tränen nass rannte er. Er wusste, er sollte nicht zurücksehen, tat es aber trotzdem. Sein Vater lag da, wie von den Wurzeln des Waldes aufgespießt, und der Reisende saß daneben. Solange Thorben auch schaute, der Fremde erhob sich nicht, blieb nur sitzen und schaute dem Jungen mit seinem unheimlichen Schlangenblick nach.

 

© Nora Bendzko 2017

 

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